21. Juli 2026

Kurzgeschichte: Eine Verabredung

[Diese Geschichte wurde im Juli 2026 beim Gelsenkirchener Literaturfestival „Nah und fern“ vorgetragen.]

Du stehst an der Straßenecke und wartest. Ihr seid auf einen Kaffee verabredet. Beim Warten blickst du die Straße hinauf und hinunter. Die Gegend ist belebt: Geschäfte, Restaurants, auf den Bürgersteigen Menschen, die bummeln, schlendern, schreiten oder eilen – aber niemand, den du erkennen würdest.

Nicht schlimm, denkst du. Ein Stau, eine verspätete Bahn, da kann immer was passieren. Es ist auch möglich, dass du selbst etwas zu früh dran bist. Zu dumm, dass du dein Handy vergessen hast, sonst könntest du nach der Uhrzeit sehen. Eine Armbanduhr trägst du schon lange nicht mehr. Das Handy hat sie irgendwann ersetzt, zumal du sowieso ständig draufschaust.

Es fühlt sich falsch an, das Gerät nicht bei dir zu haben, du hast es bisher noch nie vergessen. Die beiläufige Bewegung, mit der du es aus der Hosentasche ziehst, um schnell etwas nachzusehen, läuft so automatisch ab wie das Atmen oder das Schlucken. Schon zuckt deine Hand in Richtung Tasche, erwarten deine Augen den Anblick des hellen Rechtecks, genau wie deine Lungen beim Einatmen den Sauerstoff erwarten, unbewusst, ganz selbstverständlich.

In Ermangelung des Selbstverständlichen betrachtest du die Vorübergehenden. So viele verschiedene Gesichter, so viele Haarfarben, Hautfarben, Nasenformen. Wann hast du zum letzten Mal einem Menschen ins Gesicht geblickt – jemanden wirklich angesehen, ein richtiges Gegenüber aus Fleisch und Blut, nicht auf einem Display? Du kannst dich nicht erinnern. Es ist ungewohnt, unnatürlich.

Und es blickt auch niemand zurück. Wer allein unterwegs ist, hat den Kopf zum Handy gesenkt oder spricht mit leeren Augen in das unsichtbare Mikrofon eines Headsets. Selbst diejenigen, die nicht allein sind, interagieren mit ihrem Smartphone ebenso wie mit ihren Begleitern, wenn nicht noch unmittelbarer, als sei es ein Sinnesorgan oder ein Körperteil. Zwei Mädchen, die vor einem Schaufenster stehen, zeigen sich gegenseitig etwas auf ihren Handydisplays. Eine Frau hält ein kleines Kind an der einen Hand und ein Smartphone in der anderen, den Blick auf das Gerät gerichtet, nicht auf das Kind. Im Café ist durchs Fenster ein Paar zu sehen, das sich an einem kleinen Tisch gegenübersitzt, vor sich jeweils eine Kaffeetasse und ein Handy, beide nach unten aufs Display schauend.

Du fühlst dich unbehaglich. Ohne dein Telefon fällst du auf. Du bist ein Störfaktor – etwas, das es nicht geben dürfte.

Aber nein. Niemand schaut auf, niemand schaut herüber zu dir. Du fällst niemandem auf.

Du fragst dich, wie lange du nun schon wartest. Fünf Minuten? Zwanzig? Du siehst dich nach einer Uhr um, findest aber keine. Natürlich könntest du jemanden nach der Uhrzeit fragen, doch die Vorstellung verstärkt dein Unbehagen: Einen Passanten anzusprechen mit einer Frage, die jeder normale Mensch innerhalb von Sekunden mit einem Blick aufs Handy beantworten könnte, würde deinen Defekt öffentlich machen.

Schlagartig fällt dir ein: Was, wenn du dir gar nicht die richtige Zeit gemerkt hast? Vielleicht habt ihr euch in Wahrheit auf eine andere Uhrzeit geeinigt. Oder auf einen anderen Tag. Oder einen anderen Ort! Wieder ruckt deine Hand zur Hosentasche – die körperlichen Reflexe widersetzen sich deinem Verstand. Die Hand greift ins Nichts. Deine Augen suchen vergebens. Es gibt keine Möglichkeit, Treffpunkt und Zeit zu prüfen, nichts anderes zu tun als weiterzuwarten.

Wenn du das Handy bei dir hättest, würdest du eine kurze Nachricht schreiben: Ich bin hier, bis gleich! Ein Signal, dass du dich an eure Planung hältst. Gegebenenfalls auch eine Erinnerung, es kann ja immer sein, dass jemand eine Verabredung vergisst.

Was aber, wenn du eine Nachricht bekommen hast – mit der kurzfristigen Information über eine Verspätung – oder der Bitte, das Treffen zu verschieben – doch diese Nachricht erreicht dich nicht, weil sie an dein Handy geschickt wurde, das du nicht bei dir hast? Du fühlst Verzweiflung aufsteigen. Alle möglichen Anliegen und Informationen könnten auf deinem Smartphone eingegangen sein, die eine sofortige Reaktion erfordern, und du kannst diesen Forderungen nicht nachkommen. Es ist, als hättest du deine Zunge verloren, deine Lippen. Als seist du stumm und taub. Als seist du kein Mensch mehr, nur ein lebloses Objekt.

Du musst die Augen schließen und einige Male tief durchatmen, um dich zu vergewissern, dass du nicht leblos bist. Dass du immer noch ein Mensch bist, der atmet, denkt, spricht. Wobei die Kommunikation mit anderen derzeit eher theoretisch ist als real. Ohne dein Smartphone bist du isoliert, kannst weder senden noch empfangen. Ohne dein Smartphone bist du zwar ein Mensch, aber gefangen in deinem eigenen Menschsein.

Du denkst daran, nach Hause zu gehen und das Telefon zu holen. Auch wenn du dadurch riskieren würdest, dass ihr euch verpasst – du wärst nicht mehr isoliert. Du hättest Gewissheit, ob Zeit und Ort stimmen, ob das Treffen abgesagt oder verschoben wurde. Und du wärst nicht mehr stumm, du könntest, sofern keine Absage oder Verschiebung erfolgt ist, selbst eine Nachricht verschicken: Bin gleich da, warte auf mich.

Aber was, fällt dir ein, wenn du dadurch die ganze Verabredung platzen lässt? Wenn genau dieser Zeitpunkt die letzte, die einzige Möglichkeit wäre, euch zu sehen – und du sie, indem du dich vom vereinbarten Ort entfernst, einfach wegwirfst?

Die Verzweiflung weicht einem dumpfen Gefühl der Ausweglosigkeit. Du kannst nichts tun, nichts überprüfen und nichts klären. Du bist dazu verdammt, an dieser Ecke zu stehen und zu warten, bis ihr euch endlich seht.

Falls ihr euch seht.

Und falls nicht?

Bis wann sollst du warten? Bis zum Abend? Bis du Hunger oder Durst bekommst oder auf die Toilette musst? Abermals blickst du in die Gesichter der Passanten, suchst in ihnen nach einer Antwort und weißt doch, dass du sie nicht finden wirst. Denn kein einziger dieser Menschen nimmt dich wahr. Für sie existierst du nicht. Sie können keine Auskunft geben.

Und mit einem Mal fragst du dich, ob eine dieser Personen womöglich diejenige ist, mit der du verabredet bist. Ihr seht euch nicht sehr häufig; deine Vorstellung der Gesichtszüge, der Haarfarbe ist undeutlich. Auf dem Handy könntest du Facebook aufrufen oder Instagram, um nach aktuellen Fotos zu suchen, doch nichts davon steht dir zur Verfügung.

Du bist darauf angewiesen, erkannt zu werden. Doch erkannt werden kannst du nur, wenn du gesehen wirst.

Prüfend fixierst du einige der Gesichter, die vorüberschweben, dicht an dir vorbei und doch unerreichbar. Hellhäutige Gesichter, dunkelhäutige, Gesichter mit oder ohne Brille, mit Bart oder ohne. Jedes einzelne könnte das richtige sein. Ihr könntet euch hier an dieser Ecke für einen winzigen Moment so nahe sein, dass ihr euch berühren könntet. Doch keines der Gesichter wendet sich in deine Richtung, in keinem Augenpaar wird Erkennen aufleuchten, solange du dich nicht bemerkbar machst.

Ein Hoffnungsfunke blitzt in dir: Vielleicht kannst du doch etwas tun, vielleicht bist du nicht zum hilflosen Warten verurteilt. Du könntest dir ein Schild mit deinem Namen basteln, um dich zu identifizieren – wie es Reiseleiter am Flughafen für ihre neu eintreffenden Gäste tun. Aber die Hoffnung verfliegt sofort wieder. Für ein solches Schild bräuchtest du Pappe, Stifte, Materialien, die du nicht bei dir trägst. Du müsstest die Straßenecke verlassen, um sie zu besorgen. Doch du kannst die Ecke nicht verlassen, damit ihr euch nicht verpasst.

Du könntest rufen. Deinen Namen, nein, den Namen deiner Verabredung, immer wieder, ganz laut, so dass es selbst durch Ohrstöpsel oder Kopfhörer hindurchdringt. Egal, wie peinlich das wäre, es könnte eure einzige Chance sein, euch zu finden.

Als du dir aber den Namen in Erinnerung rufen willst, fällt er dir nicht ein. Du liest immer nur eure Nachrichten auf dem Smartphone, aber nicht den Namen, der oben drübersteht; der ist im Telefon gespeichert, du musst ihn dir nicht merken. Ohne dein Handy bist du nicht einmal in der Lage, rufend auf dich aufmerksam zu machen.

Das bedeutet, du musst weiter warten. Bis ihr euch endlich seht. Bis du gesehen wirst. Es ist die einzige Möglichkeit, die Verabredung einzuhalten.

Du wartest und wartest, und die Menschen mit ihren Handys bummeln, schlendern, schreiten oder eilen vorbei, ohne dich zu sehen, und jeder von ihnen könnte die Person sein, auf die du wartest. Über dem Warten jedoch vergisst du allmählich, auf wen du wartest. Und warum.

Ohne dein Handy kannst du nicht nachschauen.

Du vergisst, wo du bist.

Ohne dein Handy kannst du auch das nicht nachschauen.

Du vergisst, wer du bist.

Doch du bleibst an der Straßenecke stehen, du wartest und wartest, und das Einzige, was du noch weißt, ist, dass du nicht aufhören darfst zu warten.

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