Erst neulich ist mir die Abkürzung „SuB“ zum ersten Mal begegnet. Im Englischen gibt es die Formel TBR, to be read, als Bezeichnung für all die Bücher, die man herumliegen, aber noch nicht gelesen hat; und die deutsche Kurzform schien etwas Ähnliches zu bedeuten. Stapel?, überlegte ich. Wo liegen denn die ganzen Bücher, die man noch lesen möchte? „Stapel unterm Bett“ vielleicht? Schließlich kam ich darauf, dass es ganz einfach für „Stapel ungelesener Bücher“ stehen dürfte.
Bei mir gibt es zwei SuB, einen aus physischen Büchern (wobei der sich auf mehrere kleine Stapel aufteilt) und einen virtuellen auf dem E-Book-Reader. Letzterer ist vielleicht der umfangreichere, weil ich eine Zeitlang begeistert E-Books gekauft habe, wenn sie im Angebot waren und halbwegs interessant schienen. Heute kaufe ich meine E-Books weniger wahllos, meist aufgrund von Empfehlungen oder aus anderem konkretem Anlass – und stelle dann manchmal fest, dass ich das betreffende Buch längst besitze, weil es schon seit Jahren auf meinem digitalen SuB herumliegt. So war es auch mit Babel (englische Originalausgabe) von R. F. Kuang. Vermutlich hatte mich seinerzeit der linguistisch angehauchte Titel angesprochen, vielleicht auch dass es als Fantasy kategorisiert war, ein Genre, das ich früher viel gelesen und das vielleicht nostalgische Assoziationen ausgelöst hatte. Jedenfalls wurde mir erst mit großer Verspätung klar, dass ich die Autorin von Babel bereits kannte. Ich hatte nämlich ihren späteren Roman Yellowface gelesen, der seinerzeit nicht nur gehypt, sondern ausgiebig diskutiert worden war wegen seiner Thematisierung von kultureller Aneignung, Diskriminierung und Ungleichbehandlung im Literaturbetrieb, subtilem Rassismus und der Relevanz gelebter Erfahrung. Alles sehr aktuelle und realitätsnahe Inhalte, überhaupt nicht fantastisch. Kein Wunder, dass ich die Autorin nicht mit Babel in Verbindung gebracht hatte.
Nach der Lektüre aber ist die Verbindung nicht mehr zu übersehen.
Magie mit historischer Akkuratheit
Der Roman erzählt eine fiktive Geschichte, in der Magie eine Rolle spielt und die im England der 1830er Jahre angesiedelt ist. Diese Welt schildert die Autorin – soweit ich das beurteilen kann – historisch akkurat und mit Hilfe gründlicher Recherche; sie formuliert in einem Vorwort explizit den Anspruch, den tatsächlichen Gegebenheiten des Schauplatzes und der Epoche weitgehend gerecht zu werden. Reine Fantasy ist der Roman also nicht.
Aber auch beim fantastischen Aspekt der Handlung beweist Kuang akademischen Anspruch, genauer: linguistischen. Die Magie im Roman gründet auf dem semantischen Reichtum sprachlicher Ausdrücke und der Unmöglichkeit, sie absolut bedeutungsgleich in eine andere Sprache zu übersetzen. Die dabei verloren gehenden Konnotationen und Assoziationen entwickeln in der Geschichte eine besondere Kraft, die sich manipulieren und mit der sich die Wirklichkeit beeinflussen lässt. Silberbarren, in die entsprechende Übersetzungspaare eingraviert sind, werden in den Händen kundiger Gelehrter zu magischen Werkzeugen, die etwa Kutschen schneller und sicherer, das Wasser sauberer oder Gärten farbenprächtiger machen. Vor allem aber, so stellt sich im Verlauf der Handlung heraus, begründen und festigen sie die Dominanz derer, die sie nutzen: des britischen Empire. Und die Garanten dieser politischen und wirtschaftlichen Macht sind Akademiker – Sprachwissenschaftler, deren Forschung in ihrem „Babel“ genannten Institut der Oxford University das Ziel hat, immer neue Übersetzungspaare zu entwickeln.
Der Protagonist, der sich mit etwa 18 Jahren dort wiederfindet, ist Robin, ein Junge aus Kanton, China. Er hat seine Familie früh durch eine Choleraepidemie verloren und kam durch Umstände, die nach und nach aufgedeckt werden, mit neun Jahren nach England, wo er als Ziehsohn eines Sinologieprofessors in alten Sprachen unterwiesen und auf das Studium in „Babel“ vorbereitet wird. Als Student in Oxford findet er Freunde und Freiheit, er liebt seine Sprachforschungen und brilliert darin – ein unglaubliches Glück, das zugleich ein Fluch ist. Denn so werden er und seine ebenfalls aus den britischen Kolonien stammenden Kommilitoninnen und Kommilitonen zu Instrumenten der Macht, die ihre Herkunftsländer unterjocht und ausbeutet.
Coming of age in einem widersprüchlichen Setting
Dieses Setting mit seinen Konflikten und Widersprüchen fand ich faszinierend. Die Autorin verschont ihre Leserschaft nicht mit einer geballten Ladung linguistischer „geekitude“, sie führt die sprachlichen Phänomene, die ihre Figuren erforschen und nutzen, weitläufig aus und reichert die Erzählung mit Fußnoten an, die diese Hintergründe noch vertiefen, aber innerhalb der Fiktion bleiben. Den online zu findenden Besprechungen und Bewertungen zufolge kommt das bei vielen Lesenden nicht so gut an; mir gefiel es.
Auch die Charakterentwicklung des Protagonisten Robin, der anfangs komplett in seiner Geistesarbeit aufgeht und die Privilegien genießt, die ihm als Elitestudenten zuteilwerden, dann aber zunehmend an den Konsequenzen seiner Arbeit zu zweifeln beginnt, erschien mir glaubwürdig. Sie gibt Gedankenanstöße zur Verantwortung der Wissenschaft angesichts ihres Missbrauchspotentials – man denke etwa an die physikalische Grundlagenforschung, die zur Vernichtungskraft der Atombombe führte – und dazu, ob reine Wissenschaft ohne gesellschaftlichen Bezug überhaupt möglich ist. Food for thought, Fragen, auf die das Buch zunächst keine Antworten gibt.
Dass die Geschichte also – scheinbar – nichts vorgibt, sondern mir Ambiguitätstoleranz abfordert, gefiel mir sehr. Und die Beschreibungen des akademischen Lebens, des Prüfungsstresses und der Erfolgserlebnisse von Robin und seinen Freunden Ramy, Letty und Victoire lesen sich mitreißend und machen Spaß. Ein wenig erinnerte die erste Hälfte des Romans an die Harry-Potter-Reihe, die im Marketing für die deutsche Ausgabe von Babel auch als Referenzpunkt diente.
Doch während die akademischen Themen genauso erfüllend ausgearbeitet sind, die Ideen zur Magie und ihrem Studium genauso faszinieren wie bei J. K. Rowling, fällt die Schilderung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Figuren ab. Hier findet man mehr Erzählen als Erleben, mehr tell als show, Beschreibungen nach dem Muster „Sie wurden im Laufe des Jahres zu besten Freunden“, ohne dass richtig klar wird, wie und warum die Freundschaften entstehen. Weitgehend ausgespart bleibt auch die sexuelle Entwicklung der zu Beginn 17-, 18-jährigen Freunde und deren Auswirkungen auf die Freundschaftsbeziehungen. Dazu gibt es ein, zwei Andeutungen, die aber nie wieder aufgenommen werden. Auch wenn der Vergleich unfair ist: Bei Rowling ist es gerade die liebevolle Ausgestaltung des Umgangs der Figuren miteinander, der Dialoge, der Kabbeleien, Konfrontationen und Annäherungen, die die Harry-Potter-Bücher zu einem solchen Lesegenuss machen. Bei Kuang hingegen blitzt dieses Vergnügen nur ganz selten kurz auf.
„The Necessity of Violence“
Darum aber geht es ihr auch nicht, und das wird in der zweiten Hälfte des Buches unmissverständlich deutlich. Hier bewegen sich sowohl die Handlung als auch die Charakterentwicklung des Protagonisten in eine düstere Richtung. Nach drei Jahren in „Babel“ sind Robin durch seine Freunde und seine Begegnung mit einem bisher unbekannten Halbbruder, der einer antikolonialistischen Untergrundbewegung angehört, bereits die Augen geöffnet worden für die tiefe Ungerechtigkeit des Kolonialismus und den tief verwurzelten Rassismus der Ersten Welt, den auch viele seiner Professoren unhinterfragt vertreten. Er hat sein Bewusstsein geschärft für das kolonialistische System und seine eigene Rolle darin, nämlich sowohl Opfer als auch instrumentalisierter Mitwirkender. Er beginnt zu verstehen, dass er und seinesgleichen in den Augen der Mächtigen niemals gleichwertige, gleichberechtigte Menschen sein werden. Doch noch ergibt sich aus diesen Erkenntnissen kein Anstoß zum Handeln, noch sieht er seine Heimat und seine Zukunft in Babel.
Das ändert sich erst, als er und seine drei Freunde seinen Ziehvater und Professor auf eine Reise nach Kanton begleiten. Vorgeblich geht es dabei um Wirtschaftsverhandlungen – das Empire benötigt Nachschub an Silber und will China dafür sein Opium verkaufen, das aus anderen Kolonien in den Handelskreislauf strömt. Bald stellt sich jedoch heraus, dass Chinas Nein nicht akzeptiert, ja dass es längst als Grund für einen Krieg antizipiert wird: den ersten Opiumkrieg (1939–1842). Wie in der historischen Realität, nur mit durch die fiktive Prämisse leicht veränderten Vorzeichen.
Und erst jetzt sieht sich Robin einer Position, in der es keine andere Option mehr gibt als Radikalisierung, gewaltsamen Widerstand.
Aber muss ich mich als Leserin dieser Schlussfolgerung anschließen?
Echtes Verständnis, echte Nähe sind nicht möglich
Im Roman gehen die Akteure zum Äußersten, um ein kolonialistisches Massaker zu verhindern; offen bleibt, ob das in der alternativen Realität gelingt. Was ganz und gar nicht offenbleibt, ist die Rechtfertigung für das Vorgehen der Widerstandskämpfer
dem sich Robin nun mit Haut und Haar verschrieben hat.
Ein gewaltloses Vorgehen durch Annäherung, durch Erkennen des Fremden als Mitmenschen, ja als Freund, durch Verständnis und Empathie wird durch die Romanhandlung als aussichtslos charakterisiert: Letty, das einzige weiße Mitglied der Freundesgruppe, erlebt zwar in Oxford – entsprechend den herrschenden Normen, Vorurteilen und Geschlechterrollen – sexistische Diskriminierung, kann aber die durch Rassismus geprägten Erfahrungen der drei anderen nie vollständig nachvollziehen. Sogar in dieser Gemeinschaft, in Freundschaft, in mitfühlender Nähe ist also im Roman keine echte Empathie möglich, keine wirkliche Mitmenschlichkeit
und Letty wird schließlich zur Verräterin.
Natürlich hat eine solche Figur ihre Berechtigung. Sie kann, und soll vielleicht auch, zum Nachdenken darüber anregen, wie viel Letty in mir steckt, in uns, der weißen, sich für offen und antirassistisch haltenden Mehrheit. Doch als allgemeingültiger Beweis der Notwendigkeit zur Gewalt eignet sie sich nicht, weil sie erkennbar zu diesem Zweck konzipiert wurde. Wenn ich mir eine Geschichte ausdenke, in der der Mond aus Käse besteht, beweise ich damit schließlich auch nicht, dass der Erdtrabant essbar ist.
Figuren ohne Tiefe, Botschaft ohne Mehrdeutigkeit
Leider ist auch in der Charakterisierung der beiden anderen Freunde, Victoire aus Haiti und Ramy aus Indien – beide unter ähnlichen Umständen nach Oxford gelangt wie Robin –, die Funktion der Figuren wichtiger als ihre Tiefe. Beide sind maßgeblich für Robins Erkenntnisprozess und Identitätsfindung. Sie selbst haben ihre Identität offenbar längst gefunden und die menschenfeindlichen Mechanismen, auf denen der Kolonialismus basiert und denen sie selbst unterworfen sind, durchschaut; so können sie Robin die Augen öffnen, haben aber keine eigene Charakterentwicklung mehr nötig. Ihre Rede mutet streckenweise an wie eine Campusdebatte in den USA des 21. Jahrhunderts, also alles andere als erzählzeitgemäß.
Das wirkt nicht nur unglaubwürdig, sondern nimmt der Geschichte auch die Möglichkeit, die Freunde diese lebensverändernden Erkenntnisse gemeinsam durchlaufen zu lassen. Hier hat Kuang viel Potential verschenkt zugunsten expliziter, unmissverständlicher, manchmal fast holzhammerartiger Ausformulierung und Wiederholung ihres wesentlichen Anliegens aus den Mündern ihrer Figuren.
Das kann man akzeptieren unter der Annahme, dass es der Autorin vorrangig darum ging, einen spannenden, historisch fundierten und dennoch fantasievollen Roman mit klarer antikolonialer Botschaft zu verfassen. Denn das ist Babel. Was das Buch letztendlich jedoch nicht tut, auch wenn es in der ersten Hälfte noch den Anschein erweckt: den Lesenden Mehrdeutigkeit, Grauzonen, offene Fragen zumuten. Sie eigene Gedanken und Lösungsansätze finden lassen. Die inneren Konflikte, die den Protagonisten Robin anfangs quälen und die ich so spannend fand – Leidenschaft für die Sprachforschung versus das Begreifen, dass diese Forschung ein System der Entmenschlichung ermöglicht und stärkt –, werden in den späteren Kapiteln zu eindeutigen Antworten geführt. Für Ambiguität bleibt kein Raum mehr.
Was folgt aus der Kernaussage des Romans?
Mein grundsätzlichstes und ernstestes Problem mit der Geschichte ist Folgendes. Die Notwendigkeit der Gewalt, die sie postuliert (ohne dass ich unterstellen würde, dass dies die persönliche Meinung der Autorin reflektiert; der Roman ist konsequent bis auf einzelne kurze Zwischenspiele aus Robins Perspektive erzählt, wenn auch mit starken auktorialen Elementen), bleibt am Ende so unerschütterlich im Raum stehen, dass das Buch menschenfeindliche Haltungen und mörderische Aktionen rechtfertigen kann. Es bedient sich, das ließ mir kurzfristig den Atem stocken beim Lesen, ganz ähnlicher Gedankengänge und Formulierungen wie etwa manche Aussagen, die den Hamas-Anschlag am 7. Oktober 2023 als Akt des legitimen Widerstands feierten. Die Protagonisten in Kuangs Geschichte verüben kein derartiges Massaker, und das Buch erschien auch schon 2022. Dennoch frage ich mich, ob die Autorin es nach dem 7. Oktober genauso geschrieben hätte. Und ich bin nicht sicher, ob ich die Antwort wirklich wissen will.