1. Mai 2026

Kurzgeschichte: Der Fluch

Eine Anekdote aus dem Haushalt

Im Winterurlaub in Deutschland bei meinen Eltern hatte ich einen Strickpulli mit, den ich mir mal für die Arbeit in einem Schokoladengeschäft gekauft hatte. Er war aus dunkelgrauer Kunstwolle, schön warm (wichtig im Laden, weil es dort kühl war) und mit halblangen Ärmeln (auch das wichtig, weil längere Ärmel ständig in der Ware gehangen hätten). Der Pulli sah nett aus, und ich dachte, ich könnte ihn zum Beispiel zu Weihnachten tragen oder zu Silvester, als Abwechslung zu meinem üblichen, eher lässig-praktischen Ferien-Look. Tatsächlich war er dann aber ziemlich unpraktisch. In der ersten Woche unseres Besuchs war es so kalt, dass ich möglichst jeden Zentimeter Haut in mehrere Kleidungsschichten einwickeln wollte, halblange Ärmel taugten da nicht. Und als es etwas wärmer wurde – nach Weihnachten –, hatte ich von meiner Mutter Kleidungsstücke in fröhlichen Farben bekommen, die ich lieber trug als den dunkelgrauen Pulli. Im Großen und Ganzen war es ein Fehler gewesen, ihn einzupacken.

Zumal sich irgendwann jemand darüber beklagte, dass das Badezimmer so schnell staubig wurde. Nach jedem Putzen waren schnell wieder Flusen zu sehen.

Es dauerte eine Weile, bis ich das mit meinem Pulli in Verbindung brachte. Ich hatte ihn ein paarmal angehabt, als es so kalt war, mit einem langärmeligen T-Shirt drunter und einer Strickjacke drüber; und an dem T-Shirt hatte ich auch Flusen entdeckt. Der Pulli wurde schließlich unzweifelhaft als Schuldiger am Staubproblem identifiziert. Bemerkenswert war aber, dass die Staubflusen im Bad auch auftauchten, wenn ich ihn gar nicht trug. Er schien die kleinen Partikel seiner dunkelgrauen Kunstwolle ständig und überall abzusondern, so dass sie auch nach dem Staubsaugen noch aus irgendwelchen Ecken hervorkrochen und sich wieder ausbreiteten. Ich sammelte sie im Bad mit der Hand auf, damit es nicht so viel Grund zur Klage gab.

Nach unserer Rückkehr nach Kanada steckte ich die Wollsachen in die Waschmaschine. Wir hatten sie in Deutschland viel getragen, und C., mein Mann, hatte nur einen einzigen warmen Pullover im Gepäck gehabt, der natürlich fast Tag und Nacht im Einsatz gewesen und entsprechend verschmutzt war. An das Flusenproblem dachte ich nicht mehr, als ich die Maschine einschaltete. Wenn überhaupt, so hoffte ich wohl, dass das Wollprogramm es lösen würde. (Was vermutlich bedeutet hätte, dass die Kunstwollpartikel als Mikroplastik im Abwasser gelandet wären, ein unangenehmer Gedanke – aber wie gesagt, ich verfolgte ihn nicht weiter.)

Was stattdessen geschah, war, dass mir beim Öffnen der Maschine ein großer Schwall dunkelgrauer Flusen entgegenquoll.

Sie purzelten aus der Waschmaschine und bedeckten den Boden. Sie hatten sich in sämtlichen mitgewaschenen Kleidungsstücken festgesetzt. Sie blieben sogar massenhaft in der Trommel zurück, nachdem ich die Wäsche herausgenommen hatte. Sie waren überall. Im Bad, wo der Wäscheständer steht, sammelten sich in den Ecken sofort große Flusenhaufen. Es war erstaunlich, dass der Pullover noch existierte. Die schiere Menge an Flusen hätte eher darauf schließen lassen, dass er sich vollständig aufgelöst hatte.

Ich fluchte. Ich schüttelte die anderen Wäschestücke aus und versuchte, als das nur sehr bedingt half, die Flusen mit den Fingern von ihnen abzupflücken. Auf C.s Pullover, der ebenfalls dunkelgrau ist, sah man sie wenigstens nicht so, aber mein hübscher hellbrauner Wollpulli hatte einen deutlichen dunkelgrauen Schatten. Ich sammelte Flusen aus der Waschmaschinentrommel, aus der Gummidichtung, ich reinigte das Flusensieb – das sich interessanterweise als der einzige flusenfreie Ort herausstellte, offenbar hatten die Flusen sich lieber in der Trommel getummelt als sich wegspülen zu lassen. Ich saugte den größten Teil der Wohnung, das Bad gleich mehrmals, denn natürlich zeigten sich nach jedem Saugen schon wieder neue Flusen. Und als die Wollwäsche getrocknet war, unterzog ich sie einem zweiten Durchgang von Ausschütteln und Flusenpflücken. Ich war zwei volle Tage mehr oder weniger ausschließlich mit der Flusenbeseitigung beschäftigt.

Dann war es endlich überstanden. Die Wollsachen waren im Schrank und weitgehend entflust. Mein hellbrauner Pulli sah wieder vorzeigbar aus, die anderen Kleidungsstücke ebenso. Die Waschmaschine hatte, gründlich gereinigt, keine übriggebliebenen Flusen an nachfolgende Wäscheladungen weitergegeben, und ich hatte nach dem Wegräumen der Pullis ein letztes Mal gesaugt. Den Bösewicht, den dunkelgrauen und ohnehin so unpraktischen Flusenpulli, hatte ich, sobald er trocken war, in einen Müllsack gestopft. Normalerweise bringe ich aussortierte Kleidung zu einer lokal tätigen Hilfsorganisation, aber in diesem Fall hatte C. interveniert: Ob ich etwa wolle, dass die hart arbeitenden Freiwilligen der Organisation oder die Person, die den Pulli gespendet bekommt und anzieht, genauso wie wir in einem Meer von Flusen ertränken? Nein, das wollte ich niemandem antun. Der Pulli wartete nun also in seinem Müllsack auf den nächsten Transport zum Wertstoffhof.

Wir erzählten die Flusengeschichte unserer Familie, unseren Freunden. Wir lachten gemeinsam darüber. Das Ganze war zu einer Anekdote geworden, die keine Auswirkungen mehr auf die Gegenwart hatte.

Dachten wir.

Wir unternahmen noch eine weitere Reise, ins Warme, ohne Bedarf an dicken Wollsachen. Zurück in Kanada, als die Flusenepisode hinter den Erinnerungen an Sonne, Strand und Meer längst verblasst war, kam dann irgendwann der Zeitpunkt, an dem C. seinen dunkelgrauen Pullover wieder aus dem Schrank holte und ich einen Schal, der bei der bewussten Wäsche dabeigewesen war. Ich trug dazu einen weißen Strickpulli und begann mich im Laufe des Vormittags zu wundern, dass an ihm so viele kleine dunkle Flusen klebten. Und plötzlich kam C. mit wütender Miene auf mich zu. Er hatte seinen Pullover ausgezogen, und das Hemd, das er darunter trug, war über und über voll mit dunkelgrauen Wollflusen. Noch aus seinem Müllsack heraus verfolgte uns der unselige Flusenpulli mit seinen flusigen Rückständen.

Ich seufzte, zupfte die gröbsten Flusen von meinem Pulli und von C.s Hemd und gab beides in die Wäsche. Doch in den Ecken des Badezimmers liegt schon wieder bedrohlich ein dunkelgrauer Schatten. Es ist zu befürchten, dass auch die gründlichste Wäsche den beflusten Kleidungsstücken nicht zu strahlender Flusenfreiheit verhelfen wird; der Flusenpulli hat alles, was unmittelbar und mittelbar mit ihm in Kontakt gekommen ist, kontaminiert – zur Flusigkeit verflucht. Ich beginne mich zu fragen, ob ich sämtliche Teile wegwerfen sollte, die damals in der Flusenwäsche waren. Und vielleicht sogar die, die nun in zweiter Generation beflust sind. Doch das widerspricht meinem Nachhaltigkeitsempfinden. Mit dem Fluch der verbleibenden Flusen werden wir also leben müssen.

Und dieser Fluch beginnt sich bereits unheilvoll zu bewahrheiten. In den letzten Tagen sind bereits wieder viele Flusen zu sehen, doch sie sind hell, nicht dunkelgrau. Als Quelle haben wir den neuen Bademantel ausgemacht, den C. zu Weihnachten bekommen hat und gern zu Hause trägt. Die Fluserei geht weiter, endlos, unentrinnbar.

Zur Sisyphusarbeit permanenten Staubsaugens jedoch lasse ich mich nicht verfluchen. Wenn es zu schlimm wird, rücke ich der Fluserei mit einem kleinen Stück Küchenpapier zu Leibe: keine vollständige Entflusung, bei weitem nicht, aber es reicht mir. Man kann tatsächlich mit einem Fluch leben lernen. Und ein kleiner Teil von mir ist gespannt, welches Kleidungsstück unseren Flusenfluch als Nächstes manifestiert und welche Farbe wohl die neuen Flusen haben werden.

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