9. August 2026

Gewässer im Ziplock (Dana Vowinckel)

Mit dem Titel dieses Romans konnte ich zunächst überhaupt nichts anfangen. Dabei hat ihn die Autorin auf einer Lesung, die ich letztes Jahr bei der Buchmesse in Leipzig besuchte, sogar erklärt. Wenn ich mich richtig erinnere, ist es eine Anspielung auf die 1-Liter-Ziplock-Beutel, in die man bei Flügen Cremes und Flüssigkeiten für das Handgepäck packen soll. Und Gewässer sind ja auch Flüssigkeiten, nur in etwas größeren Mengen als 100 Milliliter.

Gewässer spielen im Buch eine gewisse, wenn auch nicht zentrale Rolle als Teil von Schauplätzen: der Michigansee, das östliche Mittelmeer, die Nordsee. Das Fliegen ist noch wichtiger, denn die Geschichte handelt von einer internationalen, genauer: israelisch-amerikanisch-deutschen jüdischen Familie und spielt in Berlin, Chicago, Tel Aviv und Jerusalem. Die erzählte Zeit ist ein Sommer in der Gegenwart, aber – das muss man extra sagen, das betont die Autorin auch in einem kurzen Nachwort – es ist der Sommer vor dem 7. Oktober 2023. Der Roman spielt also in einer Welt, in der eine jüdische Person noch nicht quasi automatisch mit einem brutalen Krieg in Verbindung gebracht, unter Rechtfertigungsdruck gesetzt, angefeindet wurde. Dennoch erlebt der Familienvater in Berlin antisemitische Beschimpfungen, wird von bangen Gedanken an das Jom-Kippur-Attentat von Halle verfolgt und setzt sich sicherheitshalber eine Baseballkappe über die Kippa. Und die Tochter hört von ihrem nichtjüdischen Freund, nachdem sie ihm zu seiner Überraschung erzählt hat, dass sie Hebräisch kann und ihr Vater Israeli ist, den Kommentar: „Trotzdem so ne Sache, Kolonialismus und die ganze Scheiße, ne“ (S. 12).

Eine Familie auf drei Kontinenten

Vater und Tochter, Avi und Margarita, sind die Hauptfiguren. Ihre Perspektive wird abwechselnd erzählt. Sie leben in Berlin, wo Avi Kantor in einer Synagoge ist, die 15-jährige Margarita ein jüdisches Gymnasium besucht und beide Orte, Schule und Synagoge, von Polizei und Sicherheitsdiensten bewacht werden. Der amerikanische Teil der Familie ist Marsha, die Mutter, Linguistin aus Chicago; sie hat Avi in dessen Heimat Jerusalem kennengelernt, zog mit ihm um seiner Arbeit willen nach Deutschland und verließ ihn und die kleine Tochter bald, weil sie es im Land der Täter nicht aushielt. Bei Marshas Eltern in Chicago verbringt Margarita die Sommerferien. Dort beginnt ihr Teil der Geschichte. Sie langweilt sich, liest, besucht einen Sommerschulkurs und vermisst ihren Freund, ebenso wie ihren Vater, auch wenn sie ihm das nie so direkt sagen würde. Und Avi vermisst sie in Berlin, wo er sich einsam fühlt, auch wenn die Gemeindemitglieder in der Synagoge seine Stimme schätzen und ihn nach dem Gebet zum gemeinsamen Essen einladen.

In diesen ruhigen, auf beiden Seiten des Atlantiks von unerfüllter Sehnsucht geprägten Sommer platzt Marsha mit der Idee, dass Margarita sie in Jerusalem besuchen soll – dort hat sie ein Fellowship an der Universität. Margarita will nicht. Sie fühlt sich von den Erwachsenen, die die Reise für sie planen, übervorteilt, und dann ist ihre Mutter, die sie jahrelang nicht mehr gesehen hat, noch nicht einmal in Jerusalem am Flughafen, um sie abzuholen. Doch sie lernt Lior kennen, einen Jungen aus Tel Aviv, der gegen die Regierung Netanjahu protestiert. Später findet sie sich in Marshas kleiner Wohnung in Jerusalem wieder, dann auf einem Roadtrip zum Roten Meer und schließlich mitten in einer Art Familientreffen, das Eltern, Großeltern und sie selbst in Chicago zusammenführt. Es gibt keine Auflösung der Spannungen und Konflikte, keine Versöhnung. Doch Margarita trifft am Ende eine Entscheidung, die sich richtig anfühlt.

Vater und Tochter, sensibel gezeichnet

Vieles an diesem Buch ist bemerkenswert, nicht zuletzt der Umstand, dass die Autorin bei der Veröffentlichung erst 27 war. Dass sie die Erfahrung einer 15-Jährigen authentisch und nachvollziehbar schildert, mag keine Überraschung sein, aber dasselbe gelingt ihr auch mit Avi, einem 45-jährigen Mann. Avis Einsamkeit, sein tiefer Glaube, seine intensive Liebe für seine Tochter und sein stiller Stolz auf sie, selbst seine zaghafte Annäherung an eine neue Bekannte und seine unbeholfene Sexualität, das alles erzählt Vowinckel zwar aus der Distanz der 3. Person, aber doch so nah an der Figur, dass es tief berührt.

Margarita wiederum kommt perfekt rüber als das Nicht-mehr-Kind und die Noch-nicht-Erwachsene, die sie ist. Nicht mehr Kind ist sie, wenn sie in Berlin mit ihrer besten Freundin raucht und trinkt, wenn sie erste sexuelle Erfahrungen macht. Noch nicht erwachsen ist sie, wenn sie sich von den Eltern und Großeltern entfremdet fühlt, wenn diese sie nerven, wenn sie rücksichtslos zu ihnen ist, gemein. Aber sie weint auch am Telefon, wenn sie aus Chicago ihren Vater anruft, zeigt sich ihm verletzlich und liebebedürftig. Die ruppige, empathielose Art, mit der sie zu Beginn der Erzählung in der direkten Charakterisierung erscheint, als sie ihre Großeltern ausschließlich negativ sieht, wird durch Avis Perspektive ausgeglichen – der erinnert sich an das aufgeweckte, zugewandte Kind, das sie einmal war, an Momente, in denen sie sich auch als Pubertierende aus ihrer abweisenden Reserve locken ließ und ihn mit intelligenten Äußerungen beeindruckt hat. Und natürlich wird schnell klar, dass es nicht Groll oder Bosheit ist, die Margarita in sich trägt, sondern Schmerz. Schmerz, weil die Mutter sie verlassen hat, Schmerz wegen der Zurückweisung durch einen Jungen, Schmerz auch für den Vater, dessen Einsamkeit sie spürt. Die indirekte Charakterisierung ist reichhaltig, für beide Hauptfiguren.

Das Wesentliche liegt im Ungesagten: einfacher Stil mit großer Wirkung

Die formalen Eigenschaften des Romans und der Erzählstil passen dazu. Die Sprache ist einfach, parataktische Satzstrukturen herrschen vor, oft werden kurze Hauptsätze mit Kommas aneinandergereiht. Die Komplexität der Familienbeziehungen erschließt sich also nicht an der Oberfläche, sie wird nicht durch akademisches Vokabular oder verschachtelte Sätze beschrieben, sondern sie liegt im Ungesagten; ebenso Gefühle, Stimmungen, Empfindsamkeit. Eine behutsame Annäherung an die beiden Hauptfiguren. Und wie um diese Behutsamkeit noch zu steigern, noch mehr Rücksicht zu zeigen gegenüber den Protagonisten, sind die erste und die letzte Szene des Romans, die beide in Berlin spielen mit Avi im Mittelpunkt, in auktorialer Perspektive erzählt: ein Rahmen, ein leises Türöffnen und -schließen, ein Hinein- und wieder Hinaustreten aus der Handlung. Diese Struktur, der Stil, das unblumige Erzählen, das mit minimalen Mitteln große emotionale Wirkung erzielt – das alles ist stimmig im Zusammenhang mit den Persönlichkeiten der Figuren, die tief fühlen, aber kaum etwas davon direkt äußern.

Die deutsche Gedenkkultur: als Lippenbekenntnis entlarvt

Stimmig ist es aber auch in Bezug auf die großen Themenkomplexe, die im Roman be- und verhandelt werden. Zum Beispiel die Frage, was es bedeutet, als Jude in Deutschland zu leben. Insbesondere aus Avis Perspektive (der ja kein Deutscher ist) klingt das bisweilen hart, zynisch. Er spricht davon, dass er einen deutschen Pass nicht einmal dann annehmen würde, wenn er ihn hinterhergeworfen bekäme, „[d]as deutsche Kind reichte“ (S. 79); er denkt mit bitterem Sarkasmus an Gedenkveranstaltungen, bei denen er als Sänger aufgetreten ist, an die Formeln vom „Schutz der jüdischen Mitbürger“, die er als Lippenbekenntnisse entlarvt (S. 210); und er sinniert, dass Deutsche am meisten schockiert darüber seien, dass auch assimilierte Juden von den Nazis ermordet wurden, die hätten es doch „weniger verdient zu sterben“, seien doch schon auf „gutem Weg gewesen, wirklich keine Juden mehr zu sein“ (S. 269–70). Das zu lesen ist brutal. Doch indem sie diese Aussagen unmissverständlich als Avis Subjektivität formuliert, als seine Reaktionen auf spezifische Situationen und Umstände – etwa einen Besuch in Yad Vashem –, lässt die Autorin sie nie als Anklagen erscheinen.

Dennoch treffen sie einen empfindlichen Punkt. Wie viel von dem, was Avi durch sein transgenerationales Trauma hindurch in Deutschland und den Deutschen sieht, ist tatsächlich in mir, verdrängt, vergraben unter Schichten von Schuld und Scham? Es ist Scham, die die Deutschen weinen lässt, denkt Avi in Yad Vashem auch – bei den Juden ist es die Trauer (S. 267). Er hat erkannt, dass es bei der viel beschworenen Erinnerungskultur nicht um Menschen geht, um jüdische Menschen, um die Opfer. Nicht darum, mit dem, was geschehen ist, leben zu können, die Schuld und die Scham zu ertragen. Nein: die Deutschen wollen Vergebung, sie wollen Absolution. Avi aber ist unerschütterlich in seiner Entschiedenheit, nicht zu vergeben, was nicht vergeben werden kann. Das trifft mich, es betrifft mich, weil es mich zwingt, die Unmöglichkeit von Versöhnung auszuhalten.

Heimat, Identität und Sprache

Ein anderes großes Thema ist Heimat, Identität und Zugehörigkeit. Und auch das betrifft mich, zumal es ein Dauerthema für mich ist, seit ich im Ausland lebe. Margarita bezeichnet Deutsch als ihre Muttersprache, obwohl genau genommen kein Elternteil ihr diese Sprache mitgegeben hat, und ihre Mutter widerspricht sofort und zeigt sich frustriert darüber, dass Margarita sich als „richtige deutsche Jüdin“ sieht (S. 156). Eine amerikanische Identität hat sie der Tochter jedoch nicht vermitteln können, ebenso wenig wie der Vater eine israelische. Margarita, die Suchende, Noch-nicht-Angekommene, scheint erstaunlicherweise in ihrer Identität, aber auch in ihrer Akzeptanz anderer Identitäten am meisten gefestigt zu sein: In den Passagen aus ihrer Perspektive wird das Thema kaum diskutiert oder hinterfragt, bei Avi dagegen oft und intensiv. Marsha wiederum ist so sehr Amerikanerin, dass sie ganz selbstverständlich annahm und annimmt, sowohl Avi als auch Margarita könnten und wollten mit ihr in den USA leben – ihr Heimweh war immer zu groß, um ihrem Partner, ihrer Tochter andere Heimaten zuzugestehen.

Dana Vowinckel, offensichtlich selbst Kosmopolitin, illustriert den multikulturellen und mehrsprachigen Charakter der Familie mit unübersetzten hebräischen und englischen Einschüben. Hier wäre ein Glossar hilfreich gewesen, das in der Taschenbuchausgabe, die ich zur Verfügung hatte, aber nur per QR-Code verlinkt ist. Ich habe mir den Aufwand gespart und über die hebräischen Ausdrücke hinweggelesen – um den Preis, dass mir manche Einzelheiten zu Avi, seinen religiösen Prinzipien und Attributen und dem Geschehen in der Synagoge verschlossen blieben. Es tauchen auch Formulierungen auf, die ich nur aus dem Englischen kenne und von denen ich mich frage, ob sie eher dem mehrsprachigen Vokabular der Autorin entstammen als dem deutschen Standard: etwa „observant“ in der Bedeutung „religiös praktizierend“ (S. 278). Die Thematik verschiedener Heimaten und Muttersprachen durchzieht den Roman also bis in die sprachlichen Details hinein, sie ist auf allen Ebenen präsent.

Ein Gesamtkunstwerk, das Ambiguitätstoleranz fördert

Erzähltes und Erzählweise beziehen sich aufeinander und bilden eine schlüssige Einheit. Das macht Gewässer im Ziplock zu einem Gesamtkunstwerk, dessen Titel sich erst nach der Lektüre erschließt: Das Buch vereint die verschiedenen Schauplätze, die Heimaten und Sprachen zum Porträt einer Familie, zusammengehalten durch die gemeinsame jüdische Tradition wie die Fläschchen durch den Ziplock-Beutel. Wie die Fläschchen aber sind die Identitäten der einzelnen Familienmitglieder distinkt und mit individuellen Sprachen und Orten assoziiert. Der Titel fasst somit den gesamten Roman in drei Wörtern zusammen.

Deshalb, aber nicht nur deshalb ist dieses Buch etwas Besonderes. Es ist auch deswegen besonders, weil es sanft und unprätentiös Empathie erzeugt für zwei völlig unterschiedliche Figuren, Vater und Tochter, von denen keine mir ähnlich ist, mit denen ich im Laufe der Lektüre aber immer stärker und tiefer mitfühlen konnte. Weil es Widersprüche und Konflikte existieren lässt sowohl im Mikrokosmos, den Beziehungen zwischen den Figuren, als auch im Makrokosmos der Gesellschaft, der deutschen Erinnerungskultur, des Zusammenlebens verschiedener Kulturen. Weil es den Lesenden schwere, todernste Themen zumutet und sie nicht abmildert, aber die Lesenden auch nicht damit alleinlässt, weil diese Themen durch die Figuren, mit ihnen zusammen erlebt werden. Weil es den Lesenden auch verschiedene Perspektiven zumutet, verschiedene gleichermaßen legitime Arten, die Welt wahrzunehmen, und keine davon auf- oder abwertet.

Es ist ein augenöffnendes, ein horizonterweiterndes und auch ein provozierendes Buch. Und eines, in dessen Hauptfiguren man sich langsam, aber dann umso heftiger verliebt. Margarita und Avi werden mich noch eine ganze Weile begleiten.

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