Klara and the Sun ist 2021 erschienen, als neuester Roman von Ishiguro und bisher einziger nach der Nobelpreisverleihung. Die Verfilmung kommt demnächst in die Kinos. Das war mir Anlass, mich noch einmal damit zu beschäftigen.
Dieser Roman war der dritte, den ich von ihm las, und seine Bücher sind jede einzelne Minute, jeden Satz, jedes Wort wert. Seine Geschichten sind ganz unterschiedlich und haben, soweit ich das bisher beurteilen kann, doch gemeinsame Grundthemen: die Facetten und die Grenzen des menschlichen Seins, den Umgang mit dem Unkontrollierbaren und insbesondere mit den Schattenseiten des Selbst. Die Perspektive ist oft die eines Individuums, das keine Person im engeren oder vollständigen Sinne ist, etwa ein Träumender (The Unconsoled/Die Ungetrösteten), das erinnerte Selbst in der Vergangenheit (A Pale View of Hills/Damals in Nagasaki) oder ein menschlicher Klon (Never Let Me Go/Alles, was wir geben mussten): kein Mensch mit Bewusstsein seiner selbst, kein frei und unabhängig handelndes Agens.
Eine freundliche KI …
In Klara and the Sun gehört die Erzählstimme einer künstlichen Intelligenz. Ein heißes Thema seit einigen Jahren, auch im Hinblick auf mögliche Bedrohungen, falls sich eine KI verselbständigen und nicht mehr kontrollierbar sein sollte. Doch die KI in Ishiguros Geschichte ist keine bedrohliche, sondern eine freundliche. Sie heißt Klara und ist ein humanoider Roboter in Gestalt eines jungen Mädchens. Klara ist das Produkt einer gar nicht so zukünftig wirkenden Gesellschaft, in der die Jugendlichen so gut wie ständig online sind und sich sowohl der Schulunterricht als auch die allermeisten Interaktionen mit Gleichaltrigen in virtuellen Räumen abspielen. Ihre Funktion besteht darin, der 14-jährigen Josie als „AF“ (artificial friend) zu dienen und mit ihr den zwischenmenschlichen Umgang auch offline zu üben.
Klara ist weder allwissend noch manipulativ. Sie sieht die Welt mit Kameraaugen, die bei Reizüberflutung ein grob vereinfachtes, in „Kästen“ unterteiltes Bild aufzeichnen, und gleicht die Eindrücke mit einer Datenbank ab, von der nicht ganz klar wird, welche Informationen darin gespeichert sind: Menschen, Autos, Gebäude kann Klara identifizieren, auch Gesten wie eine Umarmung, Gesichtsausdrücke wie ein Lächeln, aber keine Straßenbaumaschinen oder Flugdrohnen. Sie ist solarbetrieben und weiß, dass ihre „Lebens-“Energie von der Sonne kommt, doch sie weiß nicht, dass die Sonne ein Gestirn ist und nicht einfach verschwindet, wenn sie untergeht. Das ihr einprogrammierte Weltwissen scheint das eines kleinen Kindes zu sein. Dadurch wirkt sie sehr naiv, und dazu passt auch der einfache Erzählstil, der ein wenig an ein Kinderbuch erinnert.
Klara verfügt aber auch über einen Lernalgorithmus und die Fähigkeit, aus ihren Erfahrungen Schlüsse zu ziehen. Daraus entwickelt sie nach und nach ein Weltbild, ja eine Art Religion. Sie nimmt an, dass die Sonne den Menschen auf die gleiche Weise wie ihr selbst ihre Lebenskraft gibt; dadurch und durch ihre Beobachtungen gelangt sie zu der Vorstellung, die Sonne müsse eine Art Gottheit sein. An diese wendet sie sich, als sie lernt, dass ihre menschliche Gefährtin Josie an einer chronischen Krankheit leidet. Sie versucht die Sonne gnädig zu stimmen und zu Josies Heilung zu bewegen. Und sie bietet dafür ein eigenes Opfer an, ja, sie sieht es als ihre Bestimmung, ihr „Leben“ für das des Mädchens zu geben.
Dabei hat sie lediglich irgendwann ihren Zweck erfüllt. Ihr Akku ist verbraucht, sie ist veraltet und wird auf dem Schrottplatz entsorgt.
… in einer dystopischen Welt
Es ist eine traurige Geschichte, aber nicht durch das Agieren der KI. Im Gegenteil: Klara ist in dieser Zukunftsvision die unschuldigste Beteiligte. Ihr oberstes Handlungsprinzip ist das Wohlergehen des Mädchens, für das sie gekauft wurde. Sie ist offenbar nicht dazu programmiert, sich eigenständig mit dem Internet zu verbinden und sich auf diese Weise Wissen zu verschaffen – einschließlich aller erdenklichen Abgründe –, sondern hat lediglich ihr begrenztes Weltwissen und die eigenen Erfahrungen als Lernbasis zur Verfügung. Dadurch erhält sie sich ihre Unschuld und bleibt bis zum Ende der Geschichte gutmütig, altruistisch und optimistisch. Sie ist ein menschenähnliches Individuum, das aber nur mit den besten menschlichen Eigenschaften ausgestattet ist.
Traurig ist die Geschichte vielmehr durch die Darstellung der Welt, die die Lesende durch Klaras Kameraaugen entdeckt und mit dem Wissen um die tatsächliche, heutige Welt erschreckend begreift. Es ist eine Welt, in der Handwerker und Ingenieure durch Maschinen ersetzt werden, was Leute mit obsolet gewordener Ausbildung in Richtung Aufstand und Revolution treibt. Eine Welt, in der Menschen, die es sich leisten können, ihre Kinder genetisch optimieren lassen, obwohl es Risiken gibt – das ist die Ursache von Josies Leiden; in der die besten Schulen und Universitäten den genetisch Modifizierten vorbehalten sind und die Unmodifizierten Diskriminierung erleben. Eine Welt, in der auch menschenähnliche Maschinen wie Klara, die doch von Menschen für Menschen erfunden wurden, Diskriminierung, Hass und Angriffe erfahren: „Erst nehmen sie uns die Jobs weg, dann die Plätze im Theater“, pampt eine Fremde Klara auf der Straße an. Dabei ist Klara gar nicht dafür gemacht, irgendjemandem etwas wegzunehmen.
In dieser Welt ist es normal, ja erstrebenswert geworden, das natürliche Menschsein abzulehnen zugunsten von Optimierungstechniken: entweder am menschlichen Körper selbst, nämlich die genetische Modifikation, oder als Auslagerung von ausschließlich positiven menschlichen Eigenschaften in KIs, die besser und moralischer handeln als ein Mensch es jemals könnte. Die natürliche menschliche Entwicklung, das natürliche menschliche Miteinander bis hin zu Freundschaft, Empathie und Altruismus wird an Technologien outgesourct. Echte Freundschaften sind in Klaras und Josies Welt ebenso obsolet wie Industriejobs.
Ein Märchen, keine Science Fiction
Klara ist die Utopie in dieser Dystopie, sie ist der Lichtblick, der Funke Menschlichkeit – eine tiefe Ironie, da sie nicht menschlich ist. Aber leider ist die Utopie unrealistisch. Denn auch KI-gesteuerte künstliche Freunde sind Waren, Produkte. Ihr ultimativer Zweck in einer kapitalistischen Gesellschaft, wie Ishiguro sie durch Klaras Augen skizziert, besteht nicht im Wohlergehen ihrer Nutzenden, sondern in der Profitmehrung für diejenigen, die sie herstellen und verkaufen. Schwer vorstellbar, dass beispielsweise die Bilder von Klaras Kameraaugen nicht an den Hersteller übertragen würden, um Nutzungsprofile zu erstellen; oder dass ihre Interaktion mit Josie und anderen Menschen nicht im Sinne des Profits manipuliert würde, etwa um Begehrlichkeiten nach weiteren Produkten zu wecken. Ebenso unwahrscheinlich, dass ihr nicht Zugriff auf online verfügbare Informationen ermöglicht würde, um ihre Interaktion mit den Menschen zu optimieren – womit dann aber auch all dem Müll aus dem Internet Tür und Tor geöffnet würde, den Halbwahrheiten und Lügen, der Wut, dem Hass. Auf der Grundlage der heutigen Realität, auf der die Romanwelt basiert, ist eine rein „gute“, altruistische KI nicht möglich.
Deshalb ist Klara and the Sun in meinen Augen keine spekulative oder Science Fiction (dazu hat Ishiguro die Technologie auch nicht konkret genug ausgestaltet), sondern eine Art Märchen. Mit Klara hat der Autor eine magische Figur erschaffen, die allerdings in einer wirklichkeitsnahen Zukunft agiert. Innerhalb dieser Zukunftswelt schafft sie sich eine eigene Realität, in der es keine Bosheit und keinen Hass gibt, sondern nur Mitmenschlichkeit. Doch diese Realität ist auf sie selbst begrenzt, Klara kann sie nicht auf andere ausweiten, sie missioniert nicht – denn sie ist ja nicht zur Manipulation programmiert. Vielleicht der traurigste Aspekt der Geschichte ist also die Folgerung: Selbst wenn eine rein „gute“, rein moralische, altruistische KI machbar und vorstellbar wäre, wird sie die Welt nie zum Guten verändern können. Das könnten nur die Menschen selbst.