6. Mai 2026

Kurzgeschichte: Die blaue Flasche

Ein Nachruf

Seit ungefähr dreißig Jahren benutze ich eine 1-Liter-Wasserflasche aus Aluminium, hergestellt von einer Schweizer Firma. Nicht seit dreißig Jahren dieselbe natürlich. Manche Exemplare sind so oft auf Beton oder Asphalt gefallen, dass sie irgendwann leckten; eines habe ich mal in der Sitztasche eines Flugzeugs vergessen. Angefangen jedenfalls hat alles mit A.F., die im Studium in Düsseldorf zu meinem Freundeskreis gehörte. Sie hatte eine solche Flasche ständig dabei, während ich mir für jeden Uni-Tag eine Glasflasche Mineralwasser mitbrachte – und mir eines Tages eine davon zerbrach, mitten im Semantik-Proseminar. Daraufhin waren die Freunde der Meinung, dass es so nicht weitergehen könne, und schenkten mir meine erste Alu-Flasche zum Geburtstag. Sie war blau und hatte am Schraubverschluss eine bunte Kordel festgeknotet. Fortan war ich an der Uni nicht mehr ohne diese Flasche zu sehen.

Blau war eigentlich nie meine Farbe, aber ich blieb dabei, als ich die erste Flasche ersetzen musste. J., mein damaliger Freund, hatte eine rote. R., meinem späteren Freund an der Universität in Buffalo, schenkte ich eine grüne, die ich ihm aus Deutschland mitbrachte; keine Ahnung, ob er je daraus trank, ich kann mich nicht daran erinnern. Meine eigene blaue Flasche – inzwischen wohl schon die zweite oder dritte – füllte ich tagtäglich an der Uni am Wasserspender. Und ich war überglücklich, eine Nachfolgeflasche bei Wegmans zu finden, meinem Lieblingssupermarkt in Buffalo. Auch blau, auch 1 Liter, vom selben Hersteller, aber mit einem blumigen Muster. Das war in Ordnung, solange es nur „meine“ Flasche in der richtigen Größe und Farbe war. Es war nie schwer, sie nachzukaufen.

In den 2010er Jahren änderte sich das allerdings. Trinkflaschen und ‑becher mit wiederverwendbarem Trinkhalm kamen allmählich in Mode. Zum ersten Mal nach zwei Jahrzehnten musste ich die Farbe wechseln und mit einer silbernen Wasserflasche Vorlieb nehmen, weil die Auswahl im Outdoorgeschäft äußerst übersichtlich war. Diese Flasche war es dann auch, die im Flugzeug liegenblieb: klar, dass es mit der falschen Farbe nicht gutgehen konnte.

Nun hatte das Outdoorgeschäft gar keine Auswahl an 1-Liter-Aluflaschen mehr parat. Ich musste meinen Ersatz für die verlorene Flasche bestellen. Zur Sicherheit, um nicht noch einmal ganz ohne Flasche dazustehen, orderte ich gleich zwei: eine blaue und eine weiße. Die weiße war natürlich nur ein Plan B, für den Notfall. Ich kehrte glücklich zu „meiner“ Farbe zurück – auch wenn der Hersteller inzwischen die Lackierung leicht abgeändert hatte und es nicht mehr dasselbe Blau war wie früher, sondern etwas dunkler.

Dann sprach C. irgendwann davon, dass er auch so eine Flasche wolle.

C. ist mein Mann, und Flaschen sind bei ihm nicht sicher. Bei seinen Spaziergängen im Wald nahm er immer eine Plastikflasche aus dem Supermarkt mit, die er zwar wiederverwendete, aber eher früher als später irgendwo verlor. Nun wollte er ganz auf Plastikflaschen verzichten – und er hatte ein Auge auf meine blaue Aluflasche geworfen. Sie gefiel ihm besser als die weiße Ersatzflasche.

Nachdem ich ihm ungefähr zwanzigmal das Versprechen abgenommen hatte, gut auf die blaue Flasche aufzupassen und sie nicht im Wald zu vergessen, überließ ich sie ihm. Sie wies mittlerweile schon gewisse Gebrauchsspuren auf, und so fiel es mir nicht schwer, auf die strahlend neue, weiße Flasche umzusteigen. Dennoch war da eine gewisse Wehmut: Wenn man bedachte, wie kompliziert es geworden war, an diese Flaschen zu gelangen – alle Welt außer uns nuckelte inzwischen an hochkomplexen Wasserversorgungsbehältnissen, die für mich nur eines bedeuteten, nämlich inakzeptablen Aufwand beim Spülen –, war es mehr als wahrscheinlich, dass sich die Ära der blauen Flasche ihrem Ende entgegenneigte. Zweieinhalb, fast drei Jahrzehnte lang war ich die mit der blauen Flasche gewesen. Jetzt war ich es nicht mehr.

Aber das Leben ging weiter, unseres und das der Wasserflaschen. Ich gewöhnte mich schnell an das Weiß. Die blaue Flasche wiederum sah in C.s Besitz ziemlich schnell so aus, als diene sie einem kleinen, aber umso schlagkräftigeren Roboter als Boxsack. Bei den Waldspaziergängen machte sie so oft unsanfte Bekanntschaft mit den für Ontario typischen, jahrmillionenalten Felsen, dass sie komplett zerbeulte. Immerhin aber blieb sie funktionsfähig. Und C. gelang es tatsächlich, sie nicht im Wald zu verlieren.

Im vergangenen Sommer unternahmen wir eine einmonatige Europareise, erst nach England und dann weiter nach Italien. Selbstverständlich waren beide Flaschen, die blaue und die weiße, mit dabei. Ich spülte beide in der Küche der englischen Unterkunft, die wir uns mit C.s Freund A. teilten; grummelnd, weil ich der Ansicht war, dass C. sich um seinen Kram selbst kümmern solle, aber dennoch der Überzeugung, dass das Nichtspülen auf Dauer ein Gesundheitsrisiko darstellen würde. Nach der Ankunft in Neapel jedoch stellte C. fest, dass die blaue Flasche fehlte. Sie war nicht in seiner Umhängetasche, nicht im Koffer. Sie war weg.

Wohl oder übel ging er wieder dazu über, Wasser zu kaufen. Und als wir später zurück in Kanada waren, bestellte er eine neue 1-Liter-Aluflasche bei Amazon. Ich bin kein Fan von Amazon, aber es war die sicherste und schnellste Art, Ersatz zu finden. Die neue Flasche war nicht blau, das war gar nicht im Angebot, aber dafür aus recyceltem Material und cremeweiß. Gewöhnungsbedürftig. Aber immerhin: ein Ersatz.

Da rief A. an. Er hatte die englische Unterkunft erst nach uns verlassen, und beim Aufräumen hatte er die blaue, verbeulte Flasche gefunden und sie für C. mitgenommen. Wir waren wieder vereint! C. und ich, weiße und blaue Flasche, eine glückliche Familie! Die komische cremefarbene Flasche von Amazon, die nur so tat, als gehöre sie dazu, wanderte sofort zurück in ihren Karton.

Alles war endlich wieder so, wie es sein sollte – das heißt, fast, denn die Gummidichtung am Verschluss der blauen Flasche war über die Wochen verschimmelt. Es war ein weiterer Glücksfall, dass ich mal einen Verschluss auf Vorrat gekauft hatte, und nach einer gründlichen Reinigung der Flasche selbst war auch dieses Problem behoben. Die blaue Flasche begleitete C. wieder auf all seinen Wegen und die weiße mich.

Vor zwei Tagen ging C. am Abend Getränke holen. Wir befinden uns gerade im Kurzurlaub in einem Hotel am Meer. Nachdem wir eine Weile samt Wasserflaschen auf Strandliegen am felsigen Ufer gesessen und auf die Wellen hinausgeschaut hatten, hatte es zu regnen begonnen, und wir zogen uns in unser Zimmer zurück. C. kam ein paar Minuten nach mir herein, in jeder Hand ein Bierglas. Aber ohne die blaue Flasche.

Hatte er sie neben seiner Liege stehen lassen? Oder an der Bar vergessen? Das ließ sich nicht überprüfen, denn der Regen stürzte längst sintflutartig vom Himmel, begleitet von Wind und starkem Wellengang. Ich erkundigte mich am Empfang, ob vielleicht jemand eine blaue Flasche gefunden oder abgegeben habe; der Mitarbeiter rief hilfsbereit beim Sicherheitsdienst an, doch dort wusste man nichts. Auf Empfehlung des Mitarbeiters fragte C. am nächsten Tag auch noch beim Gästeservice nach, ebenfalls ohne Ergebnis. Die blaue Flasche, so ist anzunehmen, wurde vom Wind davongeweht. Vielleicht ins Meer. Vielleicht sonst wohin. Dieses Mal wird es keine Wiedervereinigung geben.

Die Ära der blauen Flasche ist somit nach dreißig Jahren endgültig vorüber. Zurück in Kanada werden wir von nun an eine weiße und eine cremefarbene Wasserflasche mit uns herumtragen. Aber ich stelle mir vor, dass die blaue Flasche noch da ist – irgendwo. Dass sie auf den Weltmeeren umhertreibt, in alle vier Himmelsrichtungen. Sie hatte schließlich von Anfang an ein abenteuerliches Dasein, war viel unterwegs, in Kanada und Deutschland, England und Italien, sogar in Singapur und Kambodscha; sie ist in Flugzeugen, Zügen und Autos gereist; sie wurde vergessen und zurückgebracht; sie hat Schnee und Eis ebenso wie gleißende Sonne und Hitze erlebt. Jetzt vollendet sie ihre Weltreise. Und vielleicht wird sie eines Tages auf irgendeinen fernen Strand gespült, verbeult und zerknautscht und nicht einmal mehr blau, aber noch nutzbar, und jemand findet sie – jemand mit ganz anderer Sprache, anderer Kultur als unserer. Mit dem wir aber durch die Flasche verbunden sind, über weite Distanzen und viele Grenzen hinweg.

Das Blau ist nur noch als Idee vorhanden, weltumspannend wie der Himmel und das Meer. Die blaue Flasche ist Geschichte. Aber es ist eine schöne Geschichte, und in ihr wird mich die blaue Flasche auch weiterhin begleiten.

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