Eine Julia-Menge (auf Englisch Julia set) ist ein Konzept aus der Mathematik: eine Menge aus dem Bereich der komplexen Zahlen, deren Graph ein Fraktal bildet – ein sich rekursiv selbst enthaltendes Gebilde, dessen Struktur sich beim Hineinzoomen unendlich fortsetzt. Fraktale sind schön anzusehen, auch ohne Kenntnisse der höheren Mathematik. Ein besonders hübsches Fraktal ist das „Apfelmännchen“, der Graph der Mandelbrot-Menge, die eine spezielle Kategorie von Julia-Mengen beschreibt.
Im Film The Julia Set (Drehbuch und Regie: Niki Byrne) sind Julia und Mandelbrot die Namen der Hauptfiguren. Fraktale aber bekommt man keine zu sehen, und auch um Mathematik geht es so gut wie gar nicht, so dass die Namen eher wie Dekoration anmuten als wie ein Verweis mit tieferer Bedeutung.
Julia Fischer, gespielt von Chase Infiniti, ist Mathematikstudentin mit außergewöhnlicher Begabung. Weil sie aber die Erste in ihrer schwarzen Familie ist, die studiert, hat sie bisher keine spezielle Förderung erlebt. Zu Beginn des Films beginnt sie eine Beziehung mit ihrem Tutor, Pascal Mandelbrot. Auf seine Initiative hin wird sie in einen Vorbereitungskurs für den Putnam-Test aufgenommen, einen höchst anspruchsvollen jährlichen Mathematiktest für Undergraduates an nordamerikanischen Universitäten.
Pascal, der Tutor, ist der Sohn eines Trägers der Fields-Medaille, der höchsten Auszeichnung in der Mathematik. Auch er ist hochbegabt, leidet aber unter den überhöhten Erwartungen seines Vaters. Er sieht Julia als jemanden, dem er helfen kann, erkennt aber bald, dass sie ihm als Mathematikerin überlegen ist.
Aus dieser Ausgangssituation ergeben sich vorhersagbare Konflikte. Wenn die Protagonistin schon zu Beginn eines Films mit dem love interest zusammenkommt, kann diese Liebesgeschichte nur relevant sein, wenn der Freund irgendwann sein wahres Gesicht zeigt und sich als Neider, schlechter Verlierer und/oder verwöhnter Mann mit unzeitgemäßem Anspruchsdenken entpuppt. Und wenn die Hauptfigur eine Frau und/oder Angehörige einer Minderheit ist, sind Widerstände und Hindernisse (leider) ohnehin vorprogrammiert.
Der Film erfüllt diese Erwartungen zuverlässig. Julia, eine sehr sympathische Protagonistin, vertraut zwar ihrer Begabung, begegnet aber nicht nur bei Professorinnen und Professoren Vorurteilen und Benachteiligung. Und spätestens als Pascal im Putnam-Kurs ihre Aufgabenlösung als seine ausgibt, ist absehbar, dass er im weiteren Verlauf der Geschichte zum Antagonisten werden wird.
Dabei bemüht sich der Film um Differenzierung: Es ist Julia selbst, die Pascal im Kurs ihr Heft hinschiebt, aus dem er dann die Lösung an der Tafel präsentiert. Mit einer liebevollen, aber bildungsfernen Familie und einem Bruder mit Down-Syndrom hat sie gelernt, sich im Hintergrund zu halten und mit ihrem Talent nicht aufzufallen. Persönliche Beziehungen sind ihr wichtig, und sie priorisiert sie gegenüber dem eigenen fachlichen Fortkommen. Und während als ungesundes Gegenstück dazu Pascals Verhalten weiter kippt, erkennt man immer deutlicher den Druck und emotionalen Missbrauch, den er in seiner Familie erfährt, so dass er als Figur Tiefe erhält. Diese beiden sind nicht füreinander gemacht. Doch Julia braucht eine ganze Weile, um das einzusehen und Konsequenzen daraus zu ziehen.
Schwächen des Films sind neben der Vorhersagbarkeit der Handlung diverse Überzeichnungen und Klischees.
So wird Pascals Antagonismus am Ende unnötig krass, wenn er Julia an den Kopf wirft, nur als Nutznießerin von Diversitätsinitiativen habe sie es überhaupt so weit bringen können – sie erfülle alle Kriterien, Frau, schwarz, arm, um bevorzugt zu werden.
Pascals Vater, der preisgekrönte Mathematiker, ist der berühmt-berüchtigte alte weiße Mann in Reinkultur, der seiner Frau den Mund verbietet und für den „doch heutzutage jeder irgendwie neurodivergent“ ist. Andere, weniger zentrale Figuren sind noch stereotypischer gezeichnet, etwa Julias Freundin und Mitbewohnerin (lustig, bedingungslos unterstützend, aber ohne jede Tiefe) oder die strenge Professorin, die den Putnam-Kurs leitet (diktatorisch, gemein, unterschätzt die Protagonistin).
Zu den Stärken hingegen gehören die Darstellenden, darunter einige bekannte Gesichter. Jason Isaacs ist der arrogante Aleksander Mandelbrot, Pascals Vater, der als intellektuell brillanter, aber jede emotionale Intelligenz entbehrender Fiesling ebenso viel Bewunderung wie innere Verkrampfung auslöst. Gillian Anderson spielt seine Frau, die meist im Schatten steht (wörtlich und metaphorisch) und Julia demonstriert, wie sich deren eigenes Leben an Pascals Seite vermutlich entwickeln würde. Nina Hoss verkörpert die angsteinflößende Professorin des Putnam-Kurses, Hedda Zatlan. Auch wenn die jeweiligen Rollen unterkomplex angelegt sind, lassen diese Schauspielgrößen erahnen, dass die Figuren harte Kämpfe hinter sich haben. Wenn man will, kann man sich dadurch zum Nachdenken anregen lassen.
Die größte Stärke von The Julia Set liegt in der Darstellung seiner Protagonistin, ihrer inneren Konflikte und Herausforderungen. Damit lebt der Film ganz wesentlich von Chase Infiniti, die mit Julia ihre erste Hauptrolle spielt. Sie gestaltet die Figur ruhig und zurückhaltend, aber nicht leidend; ihre Julia ist alles andere als ein Opfer. Sie macht das Dilemma der verschiedenen, jedes für sich erstrebenswerten, aber einander widersprechenden Ziele nachvollziehbar – Nähe zur Familie, Nähe zum Freund, Selbstverwirklichung, Ausbildung und Weiterentwicklung ihrer bemerkenswerten Fähigkeiten. Nachvollziehbar im Drehbuch angelegt ist auch ihre Scham, über ihre Erfolge zu sprechen, weil sich etwa der Bruder und die Eltern dadurch zurückgesetzt fühlen könnten.
Damit zeigt der Film das facettenreiche Porträt einer hochbegabten Frau. Julia weiß, was sie kann und was sie will. Sie muss nur noch lernen, die Widersprüche zwischen diesen Zielen auszuhalten, sie abzuwägen und für sich selbst einzustehen, statt sich ausschließlich nach anderen zu richten.
Am Ende trifft sie vorhersagbarerweise zum ersten Mal eine wichtige Entscheidung nur für sich selbst (nachdem sie, ebenso vorhersagbarerweise, ein Traumergebnis beim Putnam-Test erzielt hat). Sie kommt nicht an; sie bricht auf.
The Julia Set ist kein Film mit intellektuellem Tiefgang. Er handelt nicht von Mathematik und nur am Rande vom Studieren, vom Campusleben oder der Begabtenförderung. Auch wie Julias hochleistungsfähiges Gehirn arbeitet, wie sie die Studieninhalte erlebt und ihre eigene Rolle als Frau in einem MINT-Fach, wird kaum thematisiert – abgesehen von dem einen oder anderen humorvollen Seitenhieb, etwa wenn sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kommilitonen nicht vor der Toilette Schlange stehen muss. Im Grunde ist The Julia Set eine Coming-of-Age-Geschichte mit schablonenhaft verlaufender Handlung, die ebenso gut in jedem anderen Setting spielen könnte als dem College-Milieu. Immerhin aber zeigt er eine interessante, vielschichtige Hauptfigur, die denkt, fühlt, liebt, leidet, Rücksicht nimmt und gesehen werden will. Und die ich gerne etwas weniger hätte lieben und leiden und stattdessen etwas mehr denken sehen, mehr herleiten und beweisen, mehr brillieren.