29. September 2026

TIFF 2026: All About Corinne (Frankreich)

Der französische Superstar Isabelle Huppert als erfolglose Schauspielerin, die in Statistenrollen feststeckt und den großen Durchbruch einfach nicht hinbekommt: ein genialer Besetzungskniff, der mein Interesse weckte. Was ich nicht wusste, war, dass der Film mit weiteren berühmten Schauspielerinnen aufwartet (Sandrine Kiberlain, Anne Marivin, Diane Kruger), die als fiktionalisierte Versionen ihrer selbst auftreten. Oder dass der Regisseur, Marc Fitoussi, schon in früheren Werken mit einem ähnlichen Meta-Ansatz spielte (vor allem bei der Serie Dix pour cent, in der Schauspielgrößen sich selbst verkörpern und die unter dem Titel Call My Agent auch international Erfolge feierte). Vielleicht erklären diese Hintergründe, warum dieser Film in meinen Augen rundum gelungen ist. Eine perfekte Geschichte mit perfekter Inszenierung und Besetzung.

Huppert spielt Corinne Maclou, nicht mehr jung, aber umso entschlossener, es doch noch zu schaffen. Auf jedes Set, an dem sie als Statistin beschäftigt ist, nimmt sie einen Stapel Lebensläufe mit und drückt sie den Hauptdarstellerinnen und -darstellern in die Hand. Sie lauert den Stars auf in der Hoffnung auf ein Gespräch, eine Netzwerkmöglichkeit. Tatsächlich erscheint sie anfangs als ziemliche Nervensäge.

Dieser Eindruck aber ist nur eine Facette ihrer Persönlichkeit, die den ganzen Film hindurch ambivalent bleibt. Einerseits hat Corinne durchaus echtes Talent und andere Stärken: Die Videoaufnahme einer Bühnenproduktion, in der sie vor Jahren die dramatische Hauptrolle spielte, beeindruckt eine berühmte Kollegin, Sandrine Kiberlain; diese lässt sich sogar auf eine Bekanntschaft, vielleicht Freundschaft ein. Corinne ist auch in der Lage, ihr wertvolle Tipps zur besseren Ausgestaltung derselben Bühnenrolle zu geben.

Andererseits trifft Corinne bei ihren Bemühungen um größere Rollen grundsätzlich die falschen oder zumindest am wenigsten zielführenden Entscheidungen: Wegen ihres Verhaltens an den Film- und Fernsehsets hat sie in der kleinen, eng vernetzten Welt der Stars längst einen schlechten Ruf. Sie sabotiert Konkurrentinnen aus purem Neid. Sie hält an einer unfähigen Agentin fest. Und sie scheint Loyalität letztlich doch höher zu werten als eiskalte Vorteilsnahme um der Karriere willen. Aber ist es wirklich Loyalität, die sie dem Star, mit dem sie sich anfreundet, entgegenbringt? Oder wird sie der erfolgreicheren Kollegin vielleicht doch bei nächster Gelegenheit in den Rücken fallen? Weder Sandrine Kiberlain im Film noch das Publikum im Saal kann sich da je ganz sicher sein.

Bis zum Schluss, fast bis zum letzten Moment ist also nicht absehbar, wo diese Figur und die ganze Geschichte hinsteuern. Ob Corinne entmutigt aufgibt, der Filmwelt den Rücken kehrt und sich einen Bürojob sucht – ob sie an der Erfolglosigkeit verzweifelt, sich selbst aufgibt, vielleicht gar ihr Leben beendet – oder ob sie doch noch eine Chance erhält: selbst in der letzten Szene erscheint noch alles möglich. Diese konstant aufrecht erhaltene, gleichsam vorhersagbare Unvorhersagbarkeit ist eine Meisterleistung, sowohl auf Seiten des Regisseurs als auch seines Stars. Und sie erzeugt ein stetes Nervositätsgefühl beim Zusehen, weil man in jeder Szene mit dem nächsten Rückschlag für Corinne, der nächsten schlechten Entscheidung, dem nächsten Fettnäpfchen rechnen muss.

All About Corinne ist eine Komödie, aber dennoch: Gerade wenn man selbst künstlerische Ambitionen und kein Glück bei deren Verwirklichung hat, ist der Realismus der Geschichte und der Darstellung schwer zu ertragen. Allzu schonungslos spiegelt er das eigene Erleben, die eigenen ernüchternden Einsichten wider. Etwa dass das eigene Verhalten wesentlich zur Erfolglosigkeit beiträgt – es ist eben nicht jede kreative Person eine vollendete Netzwerkerin. Dass es ungleich viel mehr hoffnungsvolle, talentierte Kreative als Chancen und Gelegenheiten gibt, der große Durchbruch also die absolute Ausnahme bleibt. Dass es, gerade in der harten und ungerechten Welt von Kunst und Unterhaltung, keine Helden oder Bösewichte gibt – Corinne ist beides, sowohl Freundin als auch Widersacherin. Und dass diejenigen, denen die große Karriere gelungen ist, die weniger Erfolgreichen oft gar nicht mehr wahrnehmen als Menschen, höchstens noch als nützliche Diener, als Hilfsmittel für die eigene Karriereförderung.

Man leidet also mit der Hauptfigur, fiebert, je länger der Film einen mit seiner Ambivalenz auf der Sitzkante hält, immer mehr mit ihr mit. Obwohl – oder weil? – man oft nicht weiß, ob man Sympathie oder Fremdscham fühlen soll. Mit ihrer unergründlichen Mimik, ihrer zurückhaltenden Körpersprache und der leicht schrägen Aufmachung löst Isabelle Huppert dieses Dilemma auch bis zum Schluss nicht auf. Corinnes etwas altmodische, uniformartige Kleidung (einmal wird sie für eine Catering-Mitarbeiterin gehalten), die merkwürdige Frisur mit kleinem Dutt oben auf dem Kopf, das etwas zu auffällige und zugleich unprofessionell wirkende Make-up, der Lippenstift knallrot und an den Rändern leicht verwischt, der Lidstrich gegen die natürliche Form der Augen – die ganze äußere Erscheinung weist sie als Sonderling aus. Doch da man die ganze Zeit miterlebt, wie die Welt, in der sie Erfolg haben möchte, sie entweder ignoriert oder für ihren Nonkonformismus bestraft, ist es unmöglich, ihre Misserfolge nur ihr selbst anzulasten.

Am Ende gibt sich Corinne nicht mehr mit fehlgeleiteten Netzwerkversuchen zufrieden. An einem Filmset, an dem sie eigentlich nur für die Garderobe des Stars zuständig ist, geht sie ein echtes Risiko ein, das ihre Karriere komplett zerstören, aber auch die ersehnte Wende bringen könnte. Und wie der ganze Rest des Films ist der Schluss zugleich vorhersagbar und höchst überraschend.

Spoiler: Ende

Unglaubwürdig sind der Plottwist und seine Folgen nur auf den ersten Blick: Marc Fitoussi hat für die Filmset-Szenen eine Regisseurin gecastet – Emmanuelle Bercot, wiederum als sie selbst –, die, wie er im Q&A verrät, tatsächlich ähnlich arbeitet wie in seinem Film gezeigt. Und wenn Corinne in der allerletzten Einstellung im Fond eines Autos sitzt und mit einem leisen Lächeln, das so viel mehr ausdrückt als es zeigt, ein Drehbuch mit dem gut lesbaren Titel ISABELLE an sich drückt, dann ist dieses Ende zutiefst befriedigend, es ist perfekt. Auf der narrativen Ebene ebenso wie auf der Metaebene: Auch der Superstar wird nun endlich beim Namen genannt.

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