Ein Mann, allein in einer winterlichen Gebirgslandschaft. Der Wind heult, der Schnee peitscht, Eis klebt im Haar und im Bart des Mannes. Er besitzt augenscheinlich nichts als die Kleidung, die er am Leib trägt, aber er trägt keine Mütze, keine Handschuhe. Mit bloßen Händen gräbt er im Schnee und legt schwarze Erde frei. Er biegt junge Bäume, bemüht sich, sie zusammenzubinden und eine Hütte zu errichten, scheitert. Er schläft in einer Felsspalte auf dem eisigen Boden neben seinem Feuer.
Viele Fragen stellen sich in den ersten, fast quälend langsamen und gänzlich schweigsamen Szenen des Films, akustisch angereichert vom ständigen Pfeifen des Windes, dessen schneidende Kälte man zu spüren meint. Wer ist der Mann, woher kommt er? Warum ist er allein dort in den Bergen, einem denkbar unwirtlichen und lebensfeindlichen Ort mitten im Winter? Warum setzt er sich anscheinend freiwillig dieser Tortur aus? Was will er erreichen? Der Film des norwegischen Regisseurs Hans Petter Moland nach der literaturnobelpreisgekrönten Romanvorlage Knut Hamsuns (deutscher Titel: Segen der Erde) von 1917 beantwortet diese Fragen nur sehr indirekt. Hamsun, so lernt die seines Lebens und Werkes Unkundige bei der nachträglichen Recherche, schrieb die Geschichte als Zivilisationskritik, als Plädoyer für das naturnahe, ursprüngliche Leben und gegen Industrialisierung und Urbanisierung.[1] Der Protagonist stellt für ihn demnach den idealen Menschen dar, der, im Einklang mit der Natur und sich selbst, von Landwirtschaft und harter Arbeit lebt, weder verweichlicht noch entfremdet. (Dem völkischen Denken des Nationalsozialismus und dem Konzept rassischer Reinheit war Hamsun ausdrücklich zugeneigt. Unter den Nazigrößen fand Segen der Erde ein begeistertes Publikum.)
Die Heroisierung des Protagonisten als „wahrem“, „perfektem“ Menschen übernimmt der Film ebenso wenig wie die Anschlusspunkte nach weit rechts, die Blut-und-Boden-Anklänge der Vorlage. Hamsuns Ideologie schimmert bei Moland an keiner Stelle durch. Stattdessen steht zunächst die eindrucksvolle Inszenierung von Landschaft und Witterung im Zentrum, reißt der Regisseur sein Publikum so unmittelbar hinein in die Kälte und den Sturm, dass einem Hören und Sehen vergeht. In dem Maße, wie der Protagonist sich einen Lebensraum schafft, tritt die Darstellung der machtvollen Natur dann in den Hintergrund gegenüber der eigentlichen Erzählung.
Eine Frau taucht in der Wildnis auf, ihr Gesicht ist durch eine Hasenscharte entstellt; sie ist vielleicht verstoßen worden oder vor Ausgrenzung geflohen. Es werden zum ersten Mal Namen genannt: Isak und Inger. Ansonsten wird weiterhin sehr wenig gesprochen. Gemeinsam gelingt den beiden der Bau der Hütte, später eines Hauses, eines ganzen Hofs. Was sie anbauen oder durch ihre Tiere gewinnen, kann Isak im Dorf gegen Möbel, Einrichtungsgegenstände und sogar einen Herd eintauschen. Es drängen sich weitere Fragen auf: Wie sehen die Interaktionen dieses wortkargen Mannes mit den Dorfbewohnern aus? Welcher gesellschaftliche Status wird ihm dort zuteil? Auch hierzu gibt der Film keine Antworten, weil er fast ausschließlich in der Berglandschaft bleibt, auf dem in Pionierarbeit errichteten Hof. Auch Menschen von außerhalb dieses selbst geschaffenen Mikrokosmos treten erst recht spät in Erscheinung.
Auf dem Hof hingegen vergrößert sich die Familie schon bald. Inger bringt nacheinander zwei Söhne zur Welt, jedes Mal allein, sie hat Isak zu Besorgungen ins Dorf geschickt. Das dritte Kind des Paares, eine Tochter, auch sie in Isaks Abwesenheit geboren, hat Ingers gespaltene Lippe geerbt. Inger tötet das Neugeborene. Aber die Tat verfolgt sie und bringt sie schließlich für acht Jahre ins Gefängnis. Mit ihrer Freilassung und Rückkehr auf den Hof zieht dort der Fortschritt ein: Inger hat während ihrer Haftstrafe eine Ausbildung erhalten und kann als Näherin eigenes Geld verdienen; ihre Hasenscharte wurde wegoperiert; und die kleine Tochter, die sie kurz nach Haftantritt geboren hat, kann im Gegensatz zu den älteren Söhnen lesen und schreiben. Isak widersetzt sich den Neuerungen mit zunehmender Aggressivität, doch er kann die Zeit nicht zurückdrehen. Schließlich werden auf dem umliegenden Berg Kupfervorkommen erschlossen, eine Mine gebaut. Es steht Reichtum in Aussicht.
Die letzten zehn Minuten habe ich verpasst, weil die Laufzeit des Films länger war als gedacht und wir zu einem anderen Film mussten. Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, ob es am Ende doch noch Antworten gab auf die Fragen nach Isaks ursprünglicher Motivation, seiner Identität, der Dynamik zwischen ihm und der Gesellschaft, der er entstammt. Darüber hinaus ergeben sich aus der Handlung noch mehr Fragen, gerade wenn man sie in einem größeren Kontext betrachtet. Zum Beispiel: Was für eine Gesellschaft ist das, wohin entwickelt sie sich? Welche Rolle spielt in ihr etwa die Religion, und welche spielt sie im Leben und Selbstbild der Protagonisten, in der Bewertung von Naturverbundenheit versus Fortschritt? (Die Handlung nimmt keinerlei Bezug zu christlichen Inhalten, die Figuren begehen keine religiösen Rituale, aber an der Grabstätte der getöteten Tochter wird ein Holzkreuz aufgestellt.) Oder: Ist Isak ein Reaktionär, sein Widerstand gegen die Modernität ein Zeichen von Ignoranz und Dummheit – oder kann er gar, aus heutiger Perspektive gesehen, als Öko-Held gelten, als Kämpfer gegen Umweltzerstörung und Klimaerwärmung?[2] Und kann es Versöhnung geben zwischen seiner Unterordnung unter die Macht der Natur und Ingers Bestreben, sich davon unabhängig zu machen und sich letztlich auch als Frau zu emanzipieren? Wenn man ihren Kampf um Selbstwirksamkeit unterstützt, kann man dann gleichzeitig Isaks Beharren auf Erhaltung des Status quo akzeptieren?
Ich fand es schwierig, der Handlung zu folgen und die Bilder zu genießen, während so viele Fragen offenblieben. Wahrscheinlich wäre es mit mehr Vorwissen über die Romanvorlage einfacher gewesen. Andererseits hätte mich die Kenntnis der Hintergründe, der ideologischen Neigungen des Autors und seiner Verstrickungen mit dem NS-Regime voreingenommen gemacht und verhindert, dass ich dem Film mit Neugier und Offenheit begegne. Mit meinem nachträglich angelesenen Wissen kann ich den Mut des Regisseurs anerkennen, sich eines so heiklen Stoffs anzunehmen – und seine Leistung, diesen Stoff aus seinem Entstehungskontext herauszulösen und ihn für ein heutiges Publikum relevant und anregend zu machen. Ganz zu schweigen von dem intensiven Sinneserlebnis, das mich für ein paar Stunden in die nordnorwegischen Berge transportiert hat.
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Segen_der_Erde; Rem, Tore (2021): Out of the ruins: Knut Hamsun’s ‘idealism’ and the inheritance of World War I, Journal of European Studies 51 (3–4), https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00472441211033394
[2] Eher nicht, denn seine Nutzung des Landes unterwirft die Natur massiven Veränderungen und ist auf Wachstum ausgerichtet, nicht auf Konservierung. Siehe Hennig, Reinhard (2018): Knowing the right thing, but not doing it. NORDEUROPAforum: 16–43. http://reinhardhennig.net/wp-content/uploads/2019/07/Hennig2018_Markens_gr%C3%B8de_in_the_Anthropocene.pdf