27. September 2026

TIFF 2026: Glaxo (Argentinien)

1956. Nach dem erfolgreichen Putsch gegen Präsident Perón ist Argentinien politisch instabil, es herrschen wechselnde Militärjuntas. Ramón Folcada, ein Polizist, profiliert sich bei der Regierung durch die Niederschlagung eines Aufstandes – in Wahrheit ein Massaker an Zivilisten.
1957: Vier Teenagerjungs in Chivilcoy, einer ländlichen Kleinstadt, hoffen auf einen der begehrten Jobs in der Pharmafabrik der Firma Glaxo und erste erotische Begegnungen. In diese schläfrige Idylle schlägt ein Komet ein: „La Negra“ Miranda, die junge, attraktive und lebensfrohe Ehefrau von Folcada, der sich hier in den Ruhestand zurückgezogen hat. Einer der vier, Miguelito, lässt sich von ihr in eine Art Mrs.-Robinson-Affäre hineinziehen.
1984: Flaco, ein zweites Mitglied der Freundesgruppe, nun etwa Mitte vierzig, kommt aus dem Gefängnis. Er hat eine lange und harte Strafe wegen Mordes abgesessen, obwohl er die Straftat gar nicht begangen hat. Miguelito, so erfährt er, ist sterbenskrank und möchte ihn sehen.

Eine Geschichte von Freundesverrat inszeniert der Regisseur Benjamín Naishtat hier, das weiß man von der ersten Minute an, weil es durch ein Voiceover angekündigt wird. Erzählt wird sie nicht chronologisch, sondern abwechselnd auf den verschiedenen Zeitebenen – so, dass sich der Verrat unter den Jugendlichen und seine lebenslangen Konsequenzen parallel nach und nach entfalten. Der Verräter ist Miguelito. Folcada hat von der Affäre seiner Frau Wind bekommen, weiß aber nicht, wer der Liebhaber ist, und so nötigt er ausgerechnet Miguelito, den Schuldigen zu finden. Im Gegenzug wird er den Jungen von der Pflicht zum Militärdienst befreien und ihm eine Stelle in der Fabrik vermitteln. Als Miguelito Flaco mit La Negra tanzen sieht, schwärzt er ihn aus Eifersucht bei Folcada an. Noch am selben Abend muss er erfahren, dass es in Wahrheit ein anderer Freund war, der nach dem Tanz mit der verführerischen Frau im Bett landete … da aber hat Folcada längst seine Rache am vermeintlichen Liebhaber eingeleitet, für die er im wörtlichen Sinn über Leichen geht.

Der erwachsene, von seiner unschuldig verbüßten Gefängnisstrafe gezeichnete Flaco trifft seine früheren Freunde wieder, ohne viele Worte darüber zu verlieren, was ihm widerfahren ist. Einer will wissen, ob er homosexuellen Missbrauch erlebt habe, bohrt nach, Flaco antwortet wortkarg und sagt schließlich etwas davon, dass es Schlimmeres gebe. Später, ganz am Ende, kehrt der Film noch einmal zu den Teenagern Flaco und Miguelito zurück und zu den Momenten unmittelbar nach dem Wendepunkt, an dem Miguelito das schreckliche Ausmaß seines Verrats begriffen hat.

Spoiler: Ende

Scheinbar aus heiterem Himmel äußert er den Wunsch, tanzen zu lernen – denn er hat nie mit La Negra getanzt, er kann es gar nicht, deshalb war er eigentlich der unwahrscheinlichste Kandidat für die Affäre mit ihr. Flaco bietet sich als Tanzlehrer an und nimmt die Position der Partnerin ein, und man spürt plötzlich eine große Zärtlichkeit, die von ihm ausgeht. Miguelito lehnt sich an ihn und schlingt die Arme um ihm, verzweifelt, aber nicht imstande zu gestehen. Und Flaco lächelt. Er, der unwissend Verratene, wirkt selig in der engen Umarmung mit dem Freund. Die Reize der sexy La Negra, so scheint es, dürften ihn kalt gelassen haben. Das macht den Verrat und Flacos Schicksal umso tragischer.

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Der erwachsene Flaco ist verständlicherweise nicht bereit, Miguelito zu vergeben. Den hat gewissermaßen das Schicksal bestraft, denn seine Krankheit rührt von seiner Arbeit in der Pharmafabrik – dem Job, den er damals als Judaslohn erhielt. Am Ende wird sein Verrat also gesühnt. Doch der Anstifter, Folcada, bleibt unbehelligt, er ist einfach verschwunden, mutmaßlich gedeckt von den Militärs, denen er sich seinerzeit andiente. Es gibt keine Aussöhnung und keine gerechte Strafe.

Zwei Kritikpunkte in dieser eindringlich und zugleich karg und ohne jede Übertreibung erzählten Romanverfilmung:

Zum einen die Figur der Negra, die einzige nennenswerte Frauenfigur in einer männerzentrierten Geschichte. Gespielt wird sie von Lali Espósito, einem argentinischen Popstar. La Negra ist ein Klischee der Dualität Heilige oder Hure: ausschließlich Vamp, ausschließlich Verführerin, ohne dass gefragt würde, warum sie so ist. Die Jungs tuscheln, sie sei vor ihrer Heirat mit Folcada Prostituierte gewesen, was sie als Lustobjekt noch faszinierender macht. Als Charakter aber ist sie flach, eindimensional. Ein Fünkchen Komplexität erhält sie durch ihre Beziehung zu ihrer dementen Mutter, die sie in Buenos Aires im Pflegeheim besucht und der sie vorsingt. Doch auch das stellt sich schnell als Vorwand heraus, weil sie für eine Weile der ehelichen Enge entfliehen und unter Leuten, man mutmaßt: anderen Männern, sein möchte. La Negra ist eine rein funktionale Figur, relevant für die Erzählung nicht als Handelnde, sondern als Auslöser für das Drama zwischen den männlichen Hauptfiguren. Also: als die Instanz, durch die das Böse seinen Lauf nimmt. Auch wenn die absichtsvoll böse handelnde Figur, nämlich Folcada, ein Mann ist.

Auf ihn bezieht sich meine zweite Kritik. Folcada wird als Liebhaber klassischer Musik präsentiert, er hört sie im Autoradio, während er auf den geeigneten Moment für den Zugriff gegen die „Aufständischen“ wartet, und die Musik untermalt dann auch den Beginn der Mordaktion. In einer späteren Szene erzählt er Miguelito von seiner Vorliebe und scheint sich deswegen für etwas Besonderes zu halten, er wirkt eitel und dadurch noch unsympathischer. Ich reagiere empfindlich, wenn in einem Film oder einer Fernsehserie klassische Musik so eindeutig mit dem Bösewicht oder Antagonisten assoziiert ist. Und noch empfindlicher, wenn sie als Soundtrack für Grausamkeit und Gewalt dient. Das fühlt sich abgrundtief falsch, ja schmerzhaft an. Und auch auf einer weniger grundsätzlich-persönlichen Ebene ärgert es mich, weil klassische Musik in der breiten Öffentlichkeit ohnehin schon einen so schweren Stand hat.

Glaxo ist also definitiv weder ein feministischer Film noch beweist er den Mut, gegen den Strom populärkultureller Trends zu schwimmen. Dennoch ist er kein schlechter Film. Er ist spannend, packend und bewegend. Er nutzt unterschiedliche filmische Techniken, um für die einzelnen Zeitebenen verschiedene Stimmungen zu erzeugen: düster für die früheste, in der Folcada sich als politischer Opportunist und kaltblütiger Mörder zeigt; lichtdurchflutet, farbig und warm für die Zeit der Jugendlichen, ihre Freundschaft und erwachende Männlichkeit; dumpf, licht- und freudlos für den erwachsenen Flaco und den sterbenden Miguelito. Eine kraftvolle Erzählweise, die die visuellen Möglichkeiten des Mediums umfassend ausschöpft. Kein Lieblingsfilm, aber eine befriedigende, handwerklich anspruchsvoll erzählte Geschichte.

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